Arboglyphe, 2023
La rosée du matin, 2023
ouroboros, 2024
Giselle, 2024
Marine Aebischer wurde im Greyerzerland im Kanton Freiburg geboren. Die Region ist nicht nur ein beliebtes Ziel für Klassenausflüge für Viertklässler*innen, sondern spiegelt auch das Bild einer sich verändernden Gegend wider: Zwischen ländlicher Abwanderung und Zersiedelung werden einst unberührte Gebiete zunehmend kleiner und von vermeintlich zukunftsweisender technologischer Infrastruktur überflutet. Vor diesem Hintergrund begann die Künstlerin, besondere Aufmerksamkeit auf die Welt um uns herum zu richten, beobachtete Hühner an der Bushaltestelle oder den alten Bauernhof, der so aussieht, als wäre er mitten in Einkaufszentren und Autobahnen gepflanzt worden. Es ist diese Spannung, der die Künstlerin in ihrer Arbeit nachgeht.
Die Künstlerin zieht ihre Inspiration aus ländlichen kulturellen Praktiken und der damit einhergehenden Folklore und bietet eine zeitgenössische Neuinterpretation ihrer Symbole, Rituale und ästhetischen Universen. Marine Aebischer eignet sich sogenannte folkloristische Objekte an, die sie mit viel Respekt nicht nur für ihren ursprünglichen Gebrauch, sondern auch den oftmals artisanalen Herstellungsverfahren gegenüber, umgestaltet. Einen Teil ihrer Zeit widmet sie daher dem Erlernen dieser traditionellen Techniken, die sie mit industriellen Produktionsmethoden ergänzt.
Ihr Beitrag für Plattform erkundet ebendieses Universum, doch diesmal richtete die Künstlerin ihr Augenmerk speziell auf die Appenzeller Folklore. Nachdem sie die Formen, Symbole und Materialien, die das kulturelle Erbe der Region ausmachen, genau untersucht hat, war Aebischer besonders von den traditionellen Trachten und ihren vielfältigen Funktionen beeindruckt. Oft im Zusammenhang mit festlichen Ereignissen, interessiert sich Marine nicht nur für den formalen Aspekt der Gewänder, sondern ebenso für das phänomenologische und emotionale Erleben, das sie wiederzubeleben vermögen. Inspiriert von traditionellen Trachten, bieten ihre Arbeiten einen neuen formalen Blick; das Ergebnis einer sanften Mischung aus Erinnerungen ans Greyerzerland und der aktuellen Popkultur.
Im Kunstmuseum Appenzell trifft das ländliche Leben auf Technopartys; sie teilen sich La rosée du matin (der Morgentau). Aebischer gelingt es so, die unerwartete Nähe unserer unterschiedlichen Arten zu feiern und zusammenzukommen, aufzuzeigen. Indem sie zwei Klangwelten zusammenführt, erfindet sie einen neuen Klangverstärkungsapparat, der sowohl an einen Subwoofer als auch an eine entfernte Kuhherde erinnert.
Das traditionelle Männerkostüm umfasst eine Ohreschuefle. Es handelt sich dabei um einen Ohrring, der aus einer Kelle (typisches Arbeitsgerät der Sennen) und einem Ouroboros (visuelle Darstellung einer Schlange, die sich selbst in den Schwanz beisst), besteht. In der Ausstellung in grossem Massstab aus transparentem Harz reproduziert, ist der Löffel nur noch ein entfernter Hinweis darauf, wie der Ohrring im Alltag getragen wird. Eines der ältesten und weltweit verbreiteten Symbole repräsentierend, bezieht sich das Werk auf eine Sprache, die die Grenzen und Zeiten zu überschreiten vermag.
Giselle: Inspiriert von einer traditionellen Trachten-Corsage, schwankt das gesteppte Samtstück zwischen formalem Minimalismus und industriellem Design.
Arborglyphe besteht aus denselben Materialien wie der Chüeligurt und lässt Raum für eine zweideutige Interpretation des Materials zwischen Schmuck und Möbel. Auch von der Welt der Spiele inspiriert, bleibt dieses Stück ein Rätsel, das die Besuchenden zu entschlüsseln versuchen können.
Katia Leonelli
(Übersetzung aus dem Französischen, P24)