Als gebürtiger Mailänder, absolvierte Ludovico Orombelli einen BFA an der Arts University Bournemouth, gefolgt von einem MFA an der ECAL. Seit mehreren Jahren entwickelt er eine Praxis, die wesentlich durch historische, ikonologische und technische Forschungen zur Bildwelt des Renaissance-Humanismus geprägt ist. Ein zentraler Bestandteil seiner Arbeit besteht im Sammeln von Bildern, die er in einem Ordner zusammenführt, dessen Organisation sich an den Tafeln des Warburg Institute orientiert, einer Bibliothek, die der Erforschung von Bildern und ihrer Rolle innerhalb von Kulturen und Gesellschaften gewidmet ist.
Seit 2024 entwickelt Orombelli das Projekt Sinopia. Der Begriff Sinopie bezeichnet sowohl ein Pigment als auch die damit ausgeführten vorbereitenden Freskozeichnungen. Das Projekt besteht aus einer Serie von wandbezogenen „Malereien“, die mittels der Technik des Spolvero in verschiedenen Kunsträumen realisiert werden. Beim Spolvero wird eine vorbereitende Zeichnung durch das Durchstäuben von Pigmentpulver durch mit einer Nadel gestochenen Löchern in ein Papier auf die zu bemalende Oberfläche übertragen. Auf diese Weise reaktiviert und reinterpretiert Orombelli eine historische Technik, die ursprünglich nie dafür bestimmt war, sichtbar zu werden.
Im Kunsthaus Biel Centre d’art Bienne realisiert Orombelli eine Arbeit, die diese Serie fortführt. Sein Arbeitsprozess beginnt mit einer aufmerksamen Auseinandersetzung mit der Architektur des Ortes, der das Werk aufnehmen wird. Während seines ersten Besuchs richtete sich sein Blick auf die in regelmässigen Abständen wiederkehrenden Fenster in den Galerieräumen. Wie Orombelli erläutert, rahmen sie das Aussen nach einem präzisen geometrischen Prinzip und schlagen damit eine bestimmte Weise des Blicks auf die Landschaft vor, die zum Ausgangspunkt des Projekts wurde.
Nach der Wahl des Ortes wandte sich Ludovico seiner Bildersammlung zu, um ein Werk zu identifizieren, das in einen Dialog mit dem Raum treten kann. In diesem Fall erschien Botticellis Verkündigung von 1490 als besonders geeignet, da sie deutliche strukturelle Parallelen zur Architektur des KBCB aufweist. Nach Aussage des Künstlers „spiegelt das Gemälde das Gebäude, indem es eine Landschaft in die rationale Geometrie einer Architektur einschliesst, und erweist sich so als ideales Werk, um in den institutionellen Kontext übertragen zu werden und an dem sich die Prinzipien der Rahmung von Landschaft reflektieren lassen“. Orombellis Praxis besteht jedoch nicht darin, lediglich die geisterhaften Konturen der Werke grosser italienischer Meister der Renaissance nachzuzeichnen. Eine zentrale Phase seines Arbeitsprozesses liegt vielmehr in der Entfernung sämtlicher ikonografischer Elemente der ursprünglichen Bilder, sodass nur ihre strukturellen Komponenten sichtbar bleiben: die elementaren Geometrien der perspektivischen Konstruktion, die nun mit der Architektur des Raumes in einen Dialog treten, von einer Ecke der Wand zur anderen.
Angesichts dieser halb fiktionalen Landschaft ist das Publikum eingeladen, eine Bewegung zwischen den beiden historischen Zeitebenen zu vollziehen, die das Werk aufruft, die eigene Beziehung zum Raum und zur Welt insgesamt zu beobachten und über die Ursprünge unserer Wahrnehmungsformen nachzudenken.
Katia Leonelli
(Aus dem Französischen übersetzt)