Anna Christen

Plattform2025

Staged Desire, 2025
Folded Secrets, 2025

Die ersten Werken von Anna Christen, denen ich begegnet bin, waren Jeux d’eau (2024) – gesehen während der jährlichen Diplomausstellung in Zürich im vergangenen Sommer. Sie fühlten sich seltsam lebendig an, fast wie Kreaturen, und beunruhigten mich auf eine Weise, die ich nicht genau definieren konnte. Kunstschulen sind unmögliche Ausstellungsräume, doch Christens Arbeit, die geschickt mit dem Ort, der Grösse, der Präsenz und der zweideutigen Funktionalität spielt, hat mich für einen Moment versetzt.

Seit dem Abschluss ihres Studiums arbeitet Christen in einem kompakten Gemeinschaftsatelier am Stadtrand von Zürich. Das Gebäude selbst, eine ehemalige Metzgerei, steht allein inmitten eines laufenden Abbruchprojekts. Zwischen Baggern, Schutt und ständigen Erschütterungen nutzt Christen jeden Zentimeter für die Produktion ihrer Arbeiten, besorgt sich das nötige Werkzeug und Maschinen und eignet sich immer wieder neues handwerkliches Geschick an. Die im CAN gezeigten und auf engstem Raum entstandenen Werke spiegeln die Beharrlichkeit einer Künstlerin wider, die entschlossen ist, die Idee des Handwerks von Grund auf zu erforschen und zu hinterfragen.

Staged Desire (2025) und Folded Secrets (2025) bestehen aus Holz und Roggenstroh-Marketerie, einer Technik, die seit jeher für ihre Erschwinglichkeit und reflektierenden Eigenschaften bekannt ist. Der zarte Glanz des Strohs erinnert an die beleuchteten Bühnen, die Christen bei ihrer kurzen Tätigkeit als Bühnenbildnerin inspirierten, und betont den performativen Charakter der Werke. Folded Secrets verstärkt diesen performativen Aspekt: Wie eine Miniaturbühne wird jedes Mal ein neuer Akt enthüllt, wenn die Schublade des Objekts durch einen elektrischen Mechanismus geöffnet wird und unerwartete Hohlräume zum Vorschein kommen. Diese Funktionalität basiert auf Nachforschungen über den Verwandlungstisch des deutschen Ebenisten Abraham Roentgen (1711–1793) aus dem 18. Jahrhundert, ein Möbel, das seine Identität stetig ändert, um abwechslungsweise Platz zum Schreiben, Aufbewahren und Geheimhalten zu schaffen.

Christen interessiert sich für die „Inszenierung“ von Auslagen in hochwertigen Schaufenstern oder Museen. Ähnlich wie in den aufwendigen Szenarien von Luxusgeschäften, wo ein einzelner Gegenstand durch eine Choreografie von Texturen, Oberflächen und Beleuchtung in Szene gesetzt wird, enthüllen ihre Werke ihre eigenen miniaturisierten Welten. Die sorgfältig proportionierten Abteile und Oberflächen verwischen die Grenze zwischen architektonischem Modell und funktionalem Möbel und erzeugen ein Gefühl der Verwirrung: Haben wir es mit einem konzeptionellen Prototyp, einem skulpturalen Experiment oder einem bewohnbaren Design zu tun? Christens Auseinandersetzung mit Carolyn Sargentsons Forschungen am Victoria and Albert Museum in London zeigt, wie sich wandelnde soziale Normen auf das Möbeldesign auswirken (1). Durch die Veränderung der Wohn- und Lebensräume passten sich die Ausstellungsmöbel den neuen funktionalen und ästhetischen Bedürfnissen an. Christens neu gestaltete Werke ehren dieses Erbe und zeugen durch die Betonung von Multifunktionalität, visueller Attraktivität und emotionaler Resonanz in der materiellen Kultur zugleich von hoher Aktualität.

So wie Jeux d'eau einst die Grenzen von Grösse und Umgebung ins Wanken brachte, überbrücken Staged Desire und Folded Secrets Vergangenheit und Gegenwart und lassen die Trennung zwischen Objekt und Bühne, Erzählung und Funktion verschwimmen. Diese Arbeiten erweitern nicht nur Christens frühere Erkundungen, sondern kehren auch zu jenem anfänglichen Moment meiner Entfremdung zurück: eine Einladung, das Gewöhnliche gerade so ungewohnt werden zu lassen, dass es uns an einen anderen Ort zu transportieren vermag.

Jack Pryce
Aus dem Englischen übersetzt

(1) Carolyn Sargentson, Reading, Writing, and Roentgen, YouTube, 06.12.2012 (https://youtu.be/dQRX24IrfSw?si=v6He6FR7OwzUYWSo, zuletzt aufgerufen : 16.04.2025)