Nichts ist authentischer als das, was man von sich selbst auf die Welt projiziert. Dieser Filter lässt uns eine Realität erkennen, die nicht vollkommen jene der anderen ist und auch nie sein wird. Nie ist der Filter stärker als bei Heranwachsenden, die von einer Welt träumen, die sie erwartet. So auch bei der jugendlichen Céleste, die japanische Mangas – Shōjo-Mangas – liest und sich nach deren Vorbild eine Welt erschafft: direkt, leidenschaftlich, kompromisslos, provokant und dramatisch. Die weibliche Figur und deren Darstellung in der Geschichte des Kinos stehen im Mittelpunkt der Arbeit von Valentine Franc. Mit Hatsukoi distanziert sich die Künstlerin von den westlichen fiktionalen Gesetzen und adoptiert – in Anlehnung an die Shōjo-Mangas ̶ eine Art female gaze (als Gegenentwurf zum male gaze von Laura Mulvey). In diesen Mangas, die für junge Mädchen bestimmt sind, ist die männliche Hauptperson Träger des erotischen Potenzials. Schlank, mysteriös und androgyn dient seine Existenz lediglich der Hervorhebung der Heldin; in Valentine Francs Film existiert der Junge aus dem Park nur in Célestes Blick und Wunschvorstellungen. Hatsukoi ist vor allem eine Geschichte der Identitätsbildung, geschaffen aus dem Hin und Her zwischen Befreiung und Abkapselung, zwischen gedanklicher Projektion und äusserer Realität. Ich habe den Film Hatsukoi nicht gesehen. Der Film ist jetzt, wo ich dies schreibe, noch nicht abgeschlossen. Das ist aber unwichtig. Denn er ist in meiner Vorstellung, und gerade darin liegt das Wesen der Arbeit von Valentine Franc. In ihren Videos, die sich unaufhörlich zwischen Kino und zeitgenössischer Kunst bewegen, handelt es sich immer um persönliche Einbildung, erfundene Geschichten und fantasierte Realitäten. Es ist die Art und Weise, wie die uns umgebenden Fiktionen unsere Wahrnehmung der Realität beeinflussen, die die Künstlerin hinterfragt.
[Übersetzt aus dem Französischen]