Tina Braegger

Plattform2016

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The Grateful Dead Flag Forde, Hand-sewn polyester flag, 150 x 173 cm, 2015

The Grateful Dead Flag Forde, Hand-sewn polyester flag, 150 x 173 cm, 2015

Tiere und tierähnliche Gestalten bevölkern das Universum von Tina Braegger, so etwa das Logo der US-amerikanischen psychedelischen Rockband The Grateful Dead. Der marschierende Bär zierte ursprünglich die Rückseite des Albums History of the Grateful Dead, vol. 1 (Bear’s Choice) von 1973 und war als Anspielung auf den Toningenieur Owsley «Bear» Stanley gedacht, der ebenso für die Herstellung von hochwertigem LSD bekannt war. Bald darauf übernahm die treue Anhängerschaft der Band – die selbst ernannten «Deadheads» – das Motiv und zeichnete unzählige Bären in immer neuen Farben und Kombinationen nach. Seit 2011 eignet sich wiederum Tina Braegger diese Fankunst an. In ihrer eigenen exzessiven Beschäftigung mit dem Logo thematisiert sie die Beziehung zwischen Fan und Idol ebenso wie weiter gefasste kunsthistorische Topoi von Kopie, Wiederholung und Abwandlung. Durch die Skalierung und Bearbeitung der meist niedrig aufgelösten Bilddateien, die sie im Internet findet, entstehen zufallsbedingte Muster und Rauscheffekte – ein Informationsverslust, der letztlich zu einem bildnerischen Gewinn führt, da er die psychedelische Ästhetik der stets lächelnden Bären verstärkt. (Ebenfalls 1973 lancierte übrigens der Batteriehersteller Duracell seine Werbekampagne mit dem nicht minder unheimlichen, ewig trommelnden Hasen.) Ähnlich beklemmend sind die Plastiken der Künstlerin. Die grotesken Fratzen mit Ziegenhörnern und Schlangenhaar, unheilvolle Hybride zwischen Mensch und Tier, basieren auf Bildhauerarbeiten, die sie an Häuserfassaden entdeckt. So beziehen sich die Bronzegüsse der Serie Figures (JVA Moabit) auf Reliefs entlang der Berliner Justizvollzugsanstalt. Nebst anthropomorphen Bären und zoomorphen Gesichtern taucht in den Werken von Tina Braegger eine weitere Tiergestalt wiederholt auf, der Jaguarundi, dessen Name zwar wie ein Fabelwesen klingt, der aber tatsächlich existiert. Zwischen wissenschaftlichen Fakten und fiktionalen Anekdoten tappt die kleine Wildkatze aus Zentral- und Südamerika durch verschiedene Texte und Arbeiten der Künstlerin. Es sei gewarnt: Die tierischen Protagonisten, die Tina Braegger appropriiert, sind selten so zuckersüss, wie sie auf den ersten Blick anmuten. – Charlotte Matter