Seyoung Yoon

Plattform2014

Previous
Next

Auf die eine oder andere Weise befragen die meisten Werke von Seyoung Yoon zwischenmenschliche Beziehungen; etwa das Verhältnis zwischen Student und Lehrer, und sei es bloss aufgrund der Tatsache, dass sie während der vergangenen zehn Jahre kontinuierlich an unterschiedlichen Kunsthochschulen eingeschrieben war. Gemeinsam mit Bonny Poon hat sie die Künstlerfigur «Soon Boon» aus dem Bestreben heraus geschaffen, die Grenzen der Autorschaft zu verwischen und die Modi rascher Internetsuchen und Haschtag-Mechanismen zu konterkarieren. Googelt man Soon Boon (letzte Abfrage 9. Januar 2016), so erscheint kein einziger zugehöriger Treffer bis auf einen Link zum Genfer Offspace Marbriers 4. In einer Einzelausstellung zeigten sie dort den Film Tytheroygaka, eine verwirrende Aneinanderreihung scheinbar unzusammenhängender Geschehnisse ohne erkennbaren Plot, die nichtsdestotrotz die Illusion einer Geschichte erzeugen. Der Film kreist um eine schwer fassbare Figur namens Alice, der wir bei der Vorbereitung für eine Feier mit zwei Freundinnen in einer klaustrophobischen Wohnung zuschauen, oder beim Beobachten von spielenden Kindern – eine befremdliche und entfremdete Figur, die stets einzelgängerisch scheint, selbst wenn sie von Menschen umgeben ist. Weitere Arbeiten der Ausstellung reflektierten soziale Handlungen und Beziehungen, so etwa eine Reihe von Facebook-Events oder eine Serie von Plakaten, die in der Stadt verteilt waren. Unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler hatten diese ausgehend von Text- und Bildmaterial gestaltet, das ihnen Soon Boon als Bausteine zur Verfügung gestellt hatte. Genau genommen bildet beinahe immer ein Text die Ausgangslage für die Arbeiten von Seyoung Yoon, auch wenn dieser kaum je vollständig offenbart oder als Druckerzeugnis ausgestellt wird. Beim Zweikanal-Video The Way Back Dancer (in den Hauptrollen unter anderem «Wiese, Wind und Deine Stimme») tanzt eine Person allein im nebligen Hintergrund einer nicht näher definierten Landschaft, während im Vordergrund ein Gedicht zum Mitsingen eingeblendet ist, das zwischen konkreter Poesie und banaler Popmusik schwankt. Tatsächlich sind viele Arbeiten der Künstlerin eng mit dem Prinzip des Karaokes verwandt: mit dem Wechselspiel zwischen Text und Performance, mit dem Potenzial für Queerness, mit der Idee von Publikum und Gemeinschaft, und nicht zuletzt mit der typischen Inbrunst, mit welcher der Karaoke-Sänger einen Song interpretiert und immer wieder neu erfindet. – Charlotte Matter