Sinae Yoos Interesse gilt der Transformation kulturell geprägter Gegenstände durch Veränderung ihrer Medialität, ihrer Darstellung oder ihrer Überführung in einen neuen historischen Kontext. Die Künstlerin greift dafür gleichermassen auf literarische Formen, auf Plastik wie auch auf installativ umgesetzte Videocollagen zurück. Mediale Vielschichtigkeit, Konfrontation digitaler und nicht-digitaler Quellen sowie zitathafte Entleihung einzelner Bildthemen verleihen ihrem Werk eine komponierte, auf ein ungewisses und bisweilen unheimliches Zeitgefühl ausgerichtete Hochglanzästhetik.
Die im Rahmen der PLATTFORM-Ausstellung präsentierten, furchteinflössenden Wesen sind nicht nur aus einem Material einer anderen Zeit, dem Porzellan, gefertigt, sondern stammen auch aus einer gänzlich unbekannten Welt. Sie vereinen in sich eine weitaus grössere Zahl von Lebewesen als nur die vom Kentauren bekannte Paarung von Mensch und Pferd. Das Fehlen ihres Sehorgans lässt sie als primitive, unberechenbare Lebensform erscheinen. Ihre langen Hälse und furchteinflössend aufgerissenen Mäuler dienen jedoch einem ganz anderen Zweck als jenem der Bedrohung. Die präzis ausgearbeiteten Wesen sind von der Künstlerin als Tintenfässer konzipiert. Als Artefakt also, das gemeinsam mit der Schreibfeder über Jahrhunderte für den Akt des Schreibens stand. Seine globale Verbreitung – über Ägypten, China und Japan bis nach Westeuropa – machte das Tintenfass zum Inbegriff staatlicher Machtstrukturen. Sinae Yoo greift ebendieses Objekt als Möglichkeit subversiver Anpassung auf. Das von ihr gefertigte Tintenfass ist darauf auslegt, uns wie ein Fabelwesen zu erscheinen. Es passt sich an – die Biologie prägte dafür den Begriff Mimikry. Seine Funktion tarnt sich als blosse Erscheinungsform. Damit kann das Artefakt weiter verbreitet werden, auch wenn es seinen Sinn heute beinahe verloren hat. Die farblos-weisse Haut der Porzellanwesen wird durch blaues Kunstlicht in eine Ästhetik überführt, die zwar im Fernen an Tinte erinnern mag, jedoch jene des digitalen Scheins ist. – Etienne Wismer