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Was man Reto Müller an Unbestimmtheit vorhalten könnte, ist Programm. Der Begriff des Modells als Objekt, das auf ein zukünftiges Anderes verweist, dient ihm als Ausgangslage um den dynamischen Raum einer Idee aufzuzeigen und Gedanken eine Form zu geben. Reto Müller versteht das Modell als Instrument und Experimentierfeld; als Kapsel zahlreicher Möglichkeiten. Entsprechend lesen sich seine mehrteiligen Installationen als Annäherungsversuche, die um eine Idee kreisen, ohne nach einer absoluten Antwort zu suchen. Für seine Abschlussarbeit hat sich der Künstler nicht auf einen Titel festgelegt, sondern gleich ein Dutzend Möglichkeiten vorgeschlagen (Various Potential Titles, 2013). Auch visuell bietet sein Werk keine festen Bezugspunkte. Vier Skulpturen sind auf zwei glatt polierten Kupferrohren platziert, die selbst ungefestigt auf Klappböcken ruhen und in einem potenziellen Moment des Zusammenbrechens innehalten. Die sukzessive Auflösung der instabilen Konstruktion setzt sich bei näherem Hinschauen fort: Die Oberfläche der Grobspanskulpturen erweist sich als aufwendige Trompe-l’oeil-Bemalung, die das günstige Material imitiert. Die Marmorplatte an der Wand hingegen – Sinnbild illusionistischer Malerei - ist echt. Ein kurzes Augenzwinkern mischt sich der formal strengen Anordnung bei.
Das Modell ist nicht nur Leitgedanke, sondern auch Motiv der Arbeiten von Reto Müller, so etwa bei den Filmaufnahmen eines begehbaren Architekturmodells im Massstab 1:1 nach einem Projekt von Mies van der Rohe, das aufgrund der Weltwirtschaftskrise nie realisiert wurde. Die leicht verwackelte Kamera impliziert durch ihre dokumentarische Ästhetik einen Prozess der Authentifizierung, offenbart aber gleichzeitig die Künstlichkeit der Anlage und spielt auf die vielschichtigen Divergenzen zwischen Entwurf und Umsetzung an. Für PLATTFORM14 führt der junge Künstler seine Auseinandersetzung mit Schlüsselfiguren der modernen Architektur weiter und begegnet dem 90-jährigen Claude Parent. Im Dialog und durch den gemeinsamen Besuch seiner Bauten gleichen Künstler und Architekt die Erfahrung des Raums mit den Konzepten der 1960er Jahre ab. Architektur als materialisierte Idee, das Modell als künstlerische Strategie. – Charlotte Matter