Livia Müller

Plattform2016

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PorZeller, Klanginstallation, 2015

PorZeller, Klanginstallation, 2015

PorZeller, Klanginstallation, 2015

PorZeller, Klanginstallation, 2015

Jeder kennt Klebeetiketten. Auch das Klebeetikettenpapier dürfte hinreichend bekannt sein. Die Klebeetikettenpapierrolle hingegen kennt wohl nur, wer schon irgendwo im Verkauf oder in der Industrie gearbeitet hat. Klebeetikettenpapierrollenobjekte wiederum sind ziemlich unbekannt. Sie sind das momentane Forschungsgebiet Livia Müllers. Die Künstlerin hat ihr Material am Fliessband kennengelernt. Als Abfallprodukt. Und dazu eine fast altmeisterlich anmutende Verbundenheit entwickelt. Erstmals zu einem Werk verarbeitet hat sie das aufgerollte gelbliche Papier in der Installation Chicken rolls (2014). Sie liess es frei von der Decke hängen und auf seiner Reise zum Boden eigenwillige Spiralformen bilden, gleichzeitig auf formale und materielle Ästhetiken verweisend. Daneben, und in komplettem Gegensatz dazu, präparierte sie gewisse Rollen mit pneumatischer Luftzufuhr so, dass sie sich – vertikal aufgestellten Fernrohren gleich – mit einer unerhörten Langsamkeit in die Höhe verjüngten, um wenig später wieder entspannt dem Boden entgegen zu sinken. Für ihre Abschlussarbeit an der Kunsthochschule Luzern hat die Künstlerin die auseinandergezogenen Rollen in gegossene Porzellanobjekte übersetzt und daraus mittels Programmierung und Kinect-Sensor eine begehbare Klanginstallation geschaffen. Das dumpfe, aufgerollte Papier übersetzte sie in ein neues Material und zugleich in einen klingenden Hohlkörper. Im Rahmen der PLATTFORM-Ausstellung setzt die gerissene Tüftlerin ihre Untersuchungen zu Klebeetikettenpapierrollenobjekten fort. Sie erprobt deren unberechenbare Falleigenschaften und Wechselwirkung mit Lichtquellen. Dabei offenbart sich, wie nahe Materialexperiment und Ästhetik des fertigen Werks beisammen liegen. Die Rolle fällt wie sie fällt, sie ist wie sie ist. Der Künstlerin bleibt die Beobachtung. Und die mise-en-scène. Livia Müllers Arbeiten sind gleichermassen angeordnete Versuche wie versuchte Anordnungen eines Gegenstands, den sie sich in kleinen Schritten aneignet. – Etienne Wismer