In einer Ecke des Raumes liegt das Zentrum der Welt. Hier befindet sich die Erde an jenem idealen Ort, den der Mensch ihr zugewiesen hat, genau in der Mitte des Universums. „Doch über Nacht verlor das Universum sein Zentrum, und am Morgen hatte es unzählige davon“ (1). Galilei bestätigt die schlechte Nachricht des Kopernikus: Die Erde ist nicht das Zentrum der Welt. Plötzlich zerstören im 17. Jahrhundert die Entdeckungen der Humanisten die bis dahin von der Kirche propagierte himmlische Harmonie. Nun positioniert sich der Mensch selbst im Zentrum des Universums, mit den Schlüsseln des Wissens in der Tasche.
Die Arbeit des Duos Nearest Pond besteht aus zwei Videoinstallationen, die ausgehend vom Motiv der Rotation und ihres Zentrums die menschliche Tendenz thematisieren, sich selbst als zentralen Referenzpunkt zu setzen, als würde sich das Universum um die eigenen Wünsche drehen. Ein Teufelskreis, dessen Anfang kaum zu verorten ist, dessen Ende sich jedoch nähert, wie ein postapokalyptischer Film im Zeitraffer.
Zirkuläre und sphärische Motive dienen dem Menschen seit jeher dazu, seine Umwelt zu ordnen und zu verstehen. Direkt in die Natur eingeschrieben, finden sie sich seit dem Paläolithikum überall auf der Welt. Diese sogenannten „Cupules“ bestehen meist aus einer zentralen Vertiefung, umgeben von konzentrischen Ringen, wie eine unbeabsichtigte Vorwegnahme des Sonnensystems. Eine Form der Anthropisierung, das Zeichen menschlicher Präsenz. Der Archäologe Christopher Tilley interpretiert diese Bilder ausgehend vom Begriff des Rhythmus: dem Rhythmus der Schläge beim Steinschlagen, der damit verbundenen Rituale sowie dem Zyklus der vier Jahreszeiten (2).
In den Arbeiten von Nearest Pond herrscht ein Crescendo-Rhythmus. In Where did all the blue skies go?, durch eine Abfolge montierter Video-Found-Footage-Sequenzen verbinden sich Menschen, Maschinen und Tiere zu einem immer schneller werdenden Reigen, der “Great Acceleration”, von der der Philosoph Timothy Morton spricht (3). Das Zusammenleben von Natur und Kultur ist fragil. Angetrieben von der Macht, die er sich selbst zuschreibt, ordnet der Mensch als Dirigent sein Orchester den Rhythmus des Ökosystems nach eigenem Willen. Der Zyklus der vier Jahreszeiten verliert seine Bedeutung.
Wissenschaft, Technologie und das damit verbundene Gefühl der Allmacht lassen glauben, alles lasse sich berechnen und in Systeme einfügen. Veranschaulicht wird dies im Codex Huygens, einem enzyklopädischen Werk der Renaissance, aus dem die Figur stammt, die in Nearest Ponds Still Standing(?) Video von Méliès’ Mond verfolgt wird. Während sich die Verfolgungsjagd zwischen Mond und Mensch beschleunigt, evoziert der Text, der die Kartonwand überzieht, ein völlig anderes Tempo, eine Langsamkeit, die das Publikum in ihren Bann zieht und es zwingt, die Laufrichtung umzukehren, um den Satz lesen und verstehen zu können.
„It moved at a rate of less than 2 feet a year so it took a while for the curators at London Zoo to be sure it has stopped moving forever…“
Im Londoner Zoo liegt eine Bedrohung in der Luft. Ohne genau zu wissen, worum es sich handelt, ist eines klar: Das Ende kommt, oder es hat bereits begonnen. Die drei Auslassungspunkte am Ende des Textes säen Zweifel und erinnern daran, dass noch nichts endgültig festgeschrieben ist. „The end of the world is not a sudden punctuation point, but rather it is a matter of deep time“ (4). Jeder Moment könnte der Kartonstapel in sich zusammenbrechen, und wir mit ihm.
Ein Haufen Karton, vielleicht das Ende eines Umzugs oder der Beginn eines grossen Aufbruchs. Ein langsamer Aufbruch, im Tempo einer vom Aussterben bedrohten Schnecke, aber ein stetiger, unvermeidlicher Prozess.
Flavia Vuagniaux
(Aus dem Französischen übersetzt)
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