Pursuing Opacity: The Return of the Pink Balloon, 2024
Die meisten Träume schwinden schnell. Umso erstaunlicher, dass gewisse Träume Tage, Jahre oder sogar ein Leben lang wären. Ebenso sind die Schatten einiger meiner Kindheitserinnerungen so bildhaft, dass ich kaum erkenne, was wirklich ist und was nicht. Als ob die Trübung meiner Träume die psychologische Mehrdeutigkeit von Fakt und Fiktion bergen würde, vertraue ich den Zeugnissen von Familienfotos oder Erinnerungen Anderer, und dennoch frage ich mich: Ist es wirklich wichtig, diesen Unterschied zu machen?
Es bleibt unklar, ob die Vorstellungskraft von Mohamed Al-Bakeri’s Protagonisten Gefahr oder Zuflucht verspricht, aber der rote Faden, der zusammenhält, was ich vor mir sehe, liegt in der scheinbaren Entrücktheit des kleinen Jungen. Er windet sich zwischen Räumen introspektiver Stimmen und sozio-politischen Realitäten –Ägypten ist der Hintergrund, vor dem er zu bestehen scheint. So folge ich dem, was vom halluzinatorischen Bewusstsein des Jungen übrig bleibt, und seinem ersten Geburtstag, wie dieser durch die Linse der Kamera eines Partygastes beobachtet wird. Auf dem fliessenden Chiffon treffe ich ihn wieder – um den Bauch trägt er eine jemenitische Jambiya. Ich begleite den Jungen zu einer Darstellung des islamischen Gebets, verfolge ein Spiel mit dem Feuer oder seinen prüfenden Blick, den er, in ein gelbes Gewand gekleidet, auf mich zurückwirft. Und obwohl das Kind meinen Blick erwidert, haftet die Frage, was denn bleibt, wenn meine Träume nicht mehr die meinen sind. Durch die Aneignung seiner gedanklichen Wendungen – alptraumhafte Fragmente durchdringen subtile Zitate kultureller, sexueller oder religiöser Homogenität – werde ich Zeugin der Suche nach einem Hauch von poetischer Stille im Sturm.
Pursuing Opacity. Etwas Entliehenes aus den Schriften des martiniquanischen Dichters Édouard Glissant, in denen er die aufklärerische Epistemik des Westens in Frage stellt, die der empathischen Beziehung zu Anderen vollständige Transparenz voraussetzt: "Um dich zu verstehen und somit zu akzeptieren, muss ich deine Solidität an einem Ideal (basierend auf reduktiven Normen und universellen Wahrheiten) messen, das die Grundlage für Vergleiche und vielleicht sogar Urteile bietet." In Mohamed Al-Bakeri’s Pursuing Opacity: The Return of the Pink Balloon scheint mir der Zugang nur partiell gewährt. Ob in spannungsvoller Schichtung von auf durchscheinende Stoffe gedruckte Bilder oder in metaphorischer Verwebung von Fäden, Geschichten und Stimmen – es ist ein Gefühl, oder vielleicht Glissant, der mir sagt, mich auf die Textur des Gewebes, anstatt auf die Art seiner Bestandteile zu konzentrieren. Um der unterwerfenden Nivellierung von Identitäten entgegenzutreten, hat jede*r das Recht, opak zu bleiben, so Glissant. Eine ethische Forderung, die Assimilation von Singularitäten in der Differenz durch blosses Verständnis zu überwinden und stattdessen der Unverständlichkeit in interkultureller Kommunikation Rechnung zu tragen.
In der Welt der Wissenschaft markieren die Begriffe der Opazität und Transparenz die beiden Enden eines Spektrums, das misst, wie das Licht die Materie durchdringt. Ein geradliniges Vorgehen – und trotzdem bin ich nicht sicher, ob ich verstehe, geschweige denn vollständig begreife: Wenn eine Möglichkeit zu verschwinden darin besteht, diejenigen Spuren zu besetzen, die bereits vorhanden sind, dann meint das Sichtbarmachen, sich in die undurchdringlichen Schatten zurückzuziehen, wo "die Wiederholung zu einer immerwährenden Verschleierung führt, die unsere Form von Widerstand ist."
Antonia Rebekka Truninger
(Übersetzung aus dem Englischen, P24)