Lena Maria Thürings filmisches Werk verfügt über einen hohen visuellen Wiedererkennungswert, der sich aus der Klarheit und Nüchternheit der hochaufgelösten, präzise inszenierten Bilder speist. Sämtlichen Arbeiten unterliegt das inhaltliche Interesse am individuellen Menschen und seiner Eingebundenheit in unterschiedliche zwischenmenschliche und gesellschaftliche Strukturen sowie damit verbundenen Fragen nach Identität, Sprache und Erinnerung.
Ausgehend von umfangreichem Interviewmaterial entstehen mittels sprachlicher Verdichtung und Abstrahierung Manuskripte, die die Grundlage der Erzählung bilden. Der Blick auf das Individuum hinter der Geschichte bleibt dem Betrachter jedoch verwehrt – in vielen Arbeiten handelt es sich um SchauspielerInnen, die als Akteure auf der Leinwand agieren. Die dadurch erkennbare Konstruiertheit des Geschehens wird mitunter noch expliziter offengelegt, indem die Produktionszusammenhänge in Form von vorgelesenen Manuskripten und Mikrofonen sichtbar bleiben. In anderen Werken bleiben die Stimmen der tatsächlichen Protagonisten zwar erhalten, auf visueller Ebene jedoch werden die Gesichter, denen die gesprochenen Worte entstammen, durch Stellvertreter unterschiedlichster Art (Tiere, Menschengruppen, einzelne Körperteile) ersetzt.
Die ursprünglich autobiografischen Geschichten gewinnen durch diese verschiedenartigen distanzschaffenden Mittel einen allgemeingültigeren Anspruch und werden zu Paradigmen für grössere gesellschaftliche Konstruktionen und Phänomene. Die individuelle Geschichte wird zu einer kollektiven. Thürings filmische Arbeiten sind stets von einer Ambiguität geprägt, die der Trennung der gesprochenen Erzählung vom Körper, dem sie entstammt, geschuldet ist. Durch die Inkongruenz zwischen Bild und Ton entstehen bewusste Lücken und Leerstellen, die im ersten Moment irritieren, dem Betrachter aber auch eine Reflexionsfläche für Fragen nach der Unzulänglichkeit von Sprache und Erinnerung bieten. – Raphaela Reinmann