Künstlerinnen auf Letterboxd müssten viel mehr ein Ding sein! Julie Richards Profilname ist „julierichlang“. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Textes sind dort 2051 Filme als gesehen verzeichnet; ihre aktuellen Top vier sind Phantom of the Paradise, 8½, The Passenger und The Wild Bunch*. Fühlt sich wie ein ziemlich guter Ort an, um anzufangen… [AUTO STÜRZT VON BRÜCKE].
Julie Richard schaut seit jeher Filme; auf zerkratzten iPods, auf Handys mit schmutzigen Displays, auf portablen DVD-Playern (meiner Meinung nach ein komplett unterschätztes Gerät) oder über wackelige Streams. Dieser Kompromiss im Sehen hatte nie etwas mit Nostalgie zu tun oder mit der Ablehnung von High-Resolution- Bildern, sondern mit Lust und inzwischen als Methode. Ihre Malerei beginnt mit Bildern, die bereits durch bewusste Entscheidungen verändert sind: Unschärfe, Pixel, farbige Lichtreflexe, Fingerabdrücke, schlechte Fokussierung, Verzerrungen. Angehaltene und erneut fotografierte Filmstills stehen neben Fotografien aus dem privaten Familienarchiv der Künstlerin – Bilder also, die Zeit, Technologie und Erinnerung bereits durchlaufen haben, bevor sie überhaupt die Leinwand erreichen.
Die Malerei ist Julie Richards Medium und der Ort, an dem diese Bilder verlangsamt, geprüft und materiell neu bearbeitet werden. Fünf Gemälde mit dem Titel Uh. (2025–26) hängen in einer einzigen, durchgehenden Linie. Sie haben alle dieselbe Höhe, variieren jedoch in der Breite und sind dicht nebeneinander gehängt. Diese räumliche Anordnung übersetzt Prinzipien des Filmschnitts und der Montage in die Malerei. Dabei werden Schnitt und Montage hier nicht als stilistische Referenz, sondern als strukturelle Theorie verstanden. Bedeutung entsteht durch Sequenz, nicht innerhalb eines einzelnen Bildes: Ein verunfallendes Fahrzeug driftet aus dem Fokus, während ein beschnittener Untertitel auf eine herangezoomte Autoszene trifft (ist das Clint Eastwood auf dem Rücksitz?). Es folgt ein leicht verzerrtes Kaninchen aus der Kindheit der Künstlerin, das nicht fotografiert werden wollte, und schliesslich ein entlarvtes Porträt ihres Geschwisters. Manche Übergänge wirken fast logisch, andere bleiben widerständig. In diesem Sinne wird der Akt des Betrachtens selbst zu einer Form der Montage.
Die Stärke der Arbeiten liegt sowohl im Konzept als auch in der Qualität der Malerei. Unschärfe, Vibration und Bewegung entstehen geduldig durch malerische Gesten, nicht durch Effekte. Dünne, ausgewischte Partien stehen neben dichten Akkumulationen von Ölfarbe und erzeugen Fokusverschiebungen, die körperlich statt optisch wirken. Was digital erscheint, ist oft nichts anderes als ein Pinselstrich, der auf seiner eigenen Materialität insistiert. Julie Richard lässt die Übersetzung vom Digitalen ins Analoge bewusst ambivalent. Stammt diese Schlierenbildung aus dem Ausgangsbild oder aus dem Akt des Malens? Die Unterscheidung bleibt absichtlich unklar, denn letztlich geht es um die Malerei.
Für Julie Richard ist das Kino die vielleicht gespenstische aller Künste. Viele der Figuren, die sie malt, gehören einer Welt an, die nicht mehr existiert, sind Zeugen vergangenen Lebens. Aus ihren Narrativen gelöst und neu gemalt, werden sie zu geisterhaften Präsenzen. Neben intimen Familienbildern platziert, kollabieren alle Unterscheidungen zwischen kollektivem Bildgedächtnis und privater Erinnerung. Zurück auf Letterboxd wächst meine Watchlist weiter, während ich durch Filme scrolle, voller Szenen, die nachhallen, wobei der Raum zwischen den Bildern die eigentliche Arbeit leistet.
Jack Pryce
(Aus dem Englischen übersetzt)