The Reader Interrogates Narrative, but Poetry Interrogates the Reader (1-5), 2022-2024
Anastasia Pavlou ist Malerin, Forscherin und Handwerkerin zugleich. Sie spricht von einem Verständnis der Zeit, einem wiederkehrenden mentalen und physischen Effort. Sie malt und übermalt, immer und immer wieder, löst Leinwände aus ihrem Rahmen, nur um diese kurze Zeit später umzukehren und wieder von vorne zu beginnen. Sie klebt gefundene Gegenstände auf Leinwände, übermalt diese mit massiven Farbstrichen. Keine Geste ist geplant, alles Andere wäre die Inszenierung eines Unfalls. Zwischen starken malerischen Gesten, monochromen Ölgemälden, der Collage von Fundstücken und Kohlezeichnungen, die zu verschwinden drohen, offenbart Pavlous Praxis ein facettenreiches Universum, in dem Kategorisierungen systematisch abgelehnt werden: Im Zentrum steht der Prozess, das Unerwartete und das Risiko.
Wiederholt finden sich in Pavlous Gemälden figurative Momente und Alltagsgegenstände wieder, doch für die Künstlerin bleiben sie alle abstrakt. Ihre Bilder erheben keinen Anspruch der Repräsentation, vielmehr agieren sie als Zeugnisse eines fortlaufenden Prozesses: ein Prozess, in dem Fragen der Zeit, der Materialität und der körperlichen Geste ins Zentrum rücken. Die Künstlerin versteht die Malerei als eine Suche nach einem präzisen Moment der Harmonie, dem Zeitpunkt, an dem eine Leinwand aus dem Schaffensprozess austritt, ihre Eigenständigkeit erlangt. Innerhalb eines intrinsischen Arbeitsprozesses, der durch Unvorhersehbarkeit sowie wiederkehrende Brüche und Neuverhandlungen gekennzeichnet ist, formuliert die Künstlerin eine persönliche Leitlinie, die zeitgleich auch eine politische ist: Wir müssen lernen, abstrakte Zustände zu akzeptieren und mit ihnen aktive Beziehungen einzugehen.
Der Titel The Reader Interrogates Narrative, but Poetry Interrogates the Reader (1-5) deutet auf eine wechselseitige Beziehung zwischen demr Leserin und einer geschriebenen Narration hin. Es handelt sich um einen Zusammenhang, der eng mit Pavlous allgemeinem Verständnis der Malerei verbunden ist und die Einflüsse aus Poesie und Literatur offenbart. Ähnlich wie das einzelne Wort in einem ganzen Satz, lassen sich so im Zusammenspiel verschiedener Werke neue semantische Bedeutungen finden. Die fünf präzise aneinandergereihten Werke in identischer Grösse suggerieren eine kapitelartige Lektüre und verweisen auch durch die Präsenz eines Werkes im Zentrum auf Strukturen eines abstrakten Dramas in fünf Akten. Doch nicht nur innerhalb dieser Akte, auch zwischen ihnen entfaltet sich Pavlous Bildsprache. Während die einzelnen Gemälde einen bestimmten Moment in der Zeit dokumentieren, ermöglicht ihre Gegenüberstellung ein zusätzliches Verständnis ihrer externen Referenzen sowie ihrer Beziehungen zueinander. Die aneinandergereihten Bilder erlauben uns, die individuelle Rolle eines Werkes zu greifen und lassen von einem bestimmten Ausschnitt zu etwas Neuem als Ganzes folgern. Sie fragen, was uns an bestimmte Punkte treibt. Sie fragen danach, wie wir verstehen, was wir sehen. Sie fragen, wie wir mit dem Unkategorisierbaren umgehen und fordern uns dazu auf, danach zu suchen.
Marius Quiblier (Übersetzung aus dem Englischen, P24)