Simon Pellegrini

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Healthy trees grow best near unhappy lovers, 2024
© Claude Barrault

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© Claude Barrault

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CENCIO

“C’era uno straccetto celestino
sopra il muro
tutto sgualcito di ditate rosa
tenuto su da due borchie di stelle
ed io lì sotto
come un cencio cinerino
in cui la gente inespica
ma che non val la pena di raccogliere
– lo si stiracchia un po’ di qua e di là coi piedi

e poi
a calci
lo si butta via – ”

Antonia Pozzi, Milano, 8 aprile 1929

“Es gab ein Stück hellblauen Stoff
an der Wand
ganz zerknittert von rosa Abdrücken
in der Luft gehalten von zwei Sternrosetten und ich darunter
wie ein aschgrauer Lappen
über den die Menschen stolpern
aber der es nicht wert ist, aufgesammelt zu werden
– der mit den Füssen ein bisschen hin und
ein bisschen her gezogen wird
und dann
mit den Schuhen
wird er weggetreten –”

Antonia Pozzi, Mailand, 8. April 1929

Warum ritzen Menschen Bäume mit Zeichen, die nur sie selbst verstehen? Welche Dringlichkeit treibt sie dazu, die Rinde für immer zu verformen? Warum wird auf einer anderen Existenz (oder deren Haut) eine ewige Spur hinterlassen, obwohl das Risiko besteht, dass das Wesen, für welches die Botschaft bestimmt ist, nie davon erfährt? Die veränderte Rinde wird zum Zeugen – zum Gespenst? –Vergangene Lieb- und Freundschaften, Überreste eines Baumes voller Erinnerungen, sanfte und doch unauslöschliche Zuckungen.

Healthy trees grow best near unhappy lovers befindet sich irgendwo zwischen Erinnerung und Traum. Das Werk ist weder ein Modell noch eine Zeichnung und verwischt die Dichotomien zwischen Subjekt und Objekt, zwischen sendender und empfangender Instanz. Die Stimme, die im toten Holz widerhallt, ist nicht auf das Werk beschränkt; sie ist ein externer Gesichtspunkt, eine Stimme, die dazu einlädt, sich auf die Erzählung des Künstlers einzulassen. Die von Simon Pellegrini verfassten Worte, die wie von einer dritten, unsichtbaren Person vorgetragen werden, laden dazu ein, die Präsenz des Baumstamms und seines Besuchers als Subjektivitäten zu betrachten, die nicht nur miteinander, sondern auch mit ihrem Publikum in Dialog treten.

Pellegrini erforscht das narrative Potenzial der Nostalgie. Seine Inszenierungen in Form von Installationen, Zeichnungen und bewegten Bildern basieren auf der Erzählung von Erinnerungen, die real, fiktional oder eine Mischung aus beidem sind. Wie ein Märchen verwebt seine Arbeit Motive aus der Kindheit, seltsame, aber konstante Emotionen, denen wir im Laufe des Lebens unterschiedliche Bedeutungen zuweisen.

Clara Chavan (Übersetzung aus dem Englischen, P24)