Die Besucher*innen der Ausstellung treffen Anaïs Wenger während der gesamten Ausstellungsdauer im Salon Bleu des Kunsthauses an, den die Künstlerin zu ihrem Salon Bleu gemacht hat: Normalerweise für das Publikum geschlossen, wird er zum Ort des Austausches und der Gastfreundschaft, in welchem sie Gäste empfängt und einlädt, an ihrer narrativen Situation teilzunehmen. Dabei zerfliesst die Trennlinie zwischen ihrer Rolle als Autorin und Figur. In ihrer künstlerischen Praxis, die sie aus einer Warte der aufrichtigen Ironie und mit spielerischer Ernsthaftigkeit betreibt, interessiert sich Wenger für die narrative Konstruktion von Situationen und Identität mittels Sprache. Die Distanz zwischen einer Realität und ihrer Repräsentation in Sprache diente der Künstlerin als Ausgangspunkt für die Gründung ihres Salons hier in Langenthal.
Die Art der Interaktion mit Wenger wird dabei wesentlich von den einzelnen Teilnehmerinnen abhängen, mit denen sie einen Austausch auf Augenhöhe anstrebt. Das Repertoire an Geschichten, Anekdoten und Entdeckungen, die sie mit den jeweiligen Besucherinnen teilen wird, hat sie während ihres Aufenthalts in Langenthal erarbeitet. Ihr mündliches Archiv wird sich im Laufe der Ausstellung wesentlich von ihren Gästen nähren und in Abhängigkeit von ihnen wachsen. Wenger lädt in ihrer künstlerischen Praxis oft ein Element des Zufalls ein und liefert sich ihm aus: Sie begibt sich in ihrer Recherche auf eine Suche, wobei sie die Ausgangsfragen offen lässt und im Laufe des Prozesses von ihrer Umgebung abhängig macht. Die Aneignung des Salon Bleu wird durch ein subtiles Schild markiert. Postkarten vergangener Ausstellungen des Kunsthauses prägt sie buchstäblich mit ihrem eigenen Stempel, um in den Salon Bleu einzuladen.
Anaïs Wenger (*1991) MA Haute école d’art et de design Genève, lebt und arbeitet in Genf.