Virginie Sistek

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Resurrection Ranch, 2024
© Claude Barrault

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© Claude Barrault

Resurrection Ranch, 2024
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Resurrection Ranch, 2024
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Resurrection Ranch, 2024
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Resurrection Ranch, 2024
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Resurrection Ranch, 2024

Das Präfix in 'Wiederauferstehung’ verweist auf eine zyklische Dynamik der Wiederholung.

Es gibt Dinge und Ideen, die – moralisch und ethisch betrachtet – auf keinen Fall ins Leben zurückgerufen werden sollen.

Gregory Whiteheads Untersuchungsgegenstand des gleichnamigen fiktiven Dokumentarfilms aus dem Jahr 2012 ist eine so genannte Auferstehungsfarm (engl. resurrection ranch)… ein luxuriöses Dienstleistungsunternehmen, das ausgebrannten Führungskräften die Wiedergeburt verspricht oder zeigt, wie sie sich zurück in den Sattel schwingen können. Das Staunen über die Auferstehung unserer Cowboys, vergangen wie gegenwärtig, mag jeden in den Schatten stellen. Virginie’s Resurrection Ranch hingegen nimmt eine ungewohnte Wendung, um auf blinde Flecken hinzuweisen – Wiederauferstehung… schön und gut… aber Wiederauferstehung auf wessen Kosten?
Während Whitehead’s Resurrection Ranch aus dem Scheitern der Cowboys Profit schlägt, bleibt auch die Pferdefliege ein blutsaugender Vampir. Eine aus dem Gleichgewicht geratene Symbiose oder von Natur parasitäre Beziehung: Zur Fortpflanzung ernährt sich die weibliche Fliege vom Blut des Pferdes – ob sie Krankheiten überträgt bleibt dabei nebensächlich, denn viel wahrscheinlicher sind Hufschäden oder Lahmheit aufgrund verärgerten Stampfens. Aus geschäftlicher Perspektive ist dies besonders schädlich, weil… naja… lahme Pferde sind so nutzlos wie Messer ohne Klingen. Zum Vorteil der Meisten wurden im Zuge des technischen Fortschritts jedoch ein Grossteil der Pferdestärken durch autonomere und hygienischere Maschinen ersetzt. Eine leichte Verschiebung der Industrie oder der Körper- und Bauteile: Heute ist die Wirtschaft weniger an Kraft, Beinen und Hufen interessiert, als an ihren Fortpflanzungsorganen und biopolitischen Säften. Und auch wenn wir es besser wissen sollten, bleiben allfällige Begegnungen mit der sogenannten Blutfarm-Industrie, die Stuten in beinahe ununterbrochen Zwangsträchtigkeit hält, um verschiedene Hormone für den interspezifischen Verbrauch und den wirtschaftlichen Profit zu extrahieren, höchst befremdlich und das Leiden der Stute lediglich kollateral.**

Wenn mich eine Fliege oder Mücke ins Visier nimmt, versuche ich ruhig zu bleiben und die angesteuerte Körperstelle sanft, aber gezielt abzustreifen. Vergebliche Bemühung, denn meist kippt das Gefecht – ich jage die Mücke durch die Wohnung, bis ich von meinem eigenen Umherschwirren und ihrer beständigen Unwilligkeit, vor mir zu kapitulieren, scheinbar verspottet und desorientiert resigniere – welch unverhohlene Unterbrechung der kapitalistischen Ausbeutung meiner Arbeit.

Es ist eine andere Art der Verschiebung, die wir erleben, wenn wir Virginies Resurrection Ranch betreten. Eine räumliche vielleicht, denn unsere Bewegung wird von Skulpturen geführt, die den Raum in zwei Hälften teilen; oder perspektivisch, da wir niemals das gesamte Bild auf einmal begreifen, auch wenn es gelingt, über die Mauern zu spähen; auch theatralisch, denn wir begegnen einem Werk, dessen Inszenierung in einem ständigen Zyklus der Selbstentlarvung begriffen ist; oder konzeptionell, da die metaphorische Verschmelzung von Pferdefliege und pharmazeutisch-industriellem Produkt die Unterscheidung zwischen künstlicher und natürlicher Extraktion verschwimmen lässt. Vielleicht aber ist die Verschiebung sogar ethischer Natur, denn die Schrecken von Virginies Untersuchungen sind kaum fassbar und ihre Darbietung doch so unmittelbar burlesk.

Als würde sie vorschlagen: Lassen wir die Stuten auferstehen – nicht in gesattelter Bronze und heroischer Zeitlosigkeit, doch in dünner Jute und Subversivität des ausgebeuteten Körpers.

Welcome to the ranch.

Antonia Rebekka Truninger (Übersetzung aus dem Englischen, P24)

*Gregory Whitehead, “Resurrection Ranch”: https://gregorywhitehead.net/2012/06/06/resurrection-ranch/ (17.2.24).

**Donna Haraway, “Awash in Urine: DES and Premarin in Multispecies Responsibility,” Women’s Studies Quarterly 40, no. ½ (2012): 301-316. Bis vor einigen Jahren war die Gewinnung von Equine Genadotropin (ecG) (ein Hormon, das in der Schweine-, Schaf-, Rinder- und Ziegenzucht zur Erzeugung von Suberovulationen verwendet wird) aus dem Blut von Stuten eine weit verbreitete Methode, um die Fruchtbarkeitsperioden von Nutztieren zu kontrollieren, damit die Fleisch- oder Milchproduktion nicht unterbrochen wird. Ein weiteres Beispiel ist das Östrogen Premarin, das aus dem Urin von Stuten gewonnen wird, die zur Aufrechterhaltung der Hormonproduktion wiederholt trächtig sind. Premarin wurde in den USA von den 1940er bis zu den 2000er Jahren in grossem Umfang an Menschen verabreicht, die unter Wechseljahrsbeschwerden litten.