Samuel Haitz

Plattform2021

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Archive (Spring in Berlin), Plattform21 at MASILugano, 2021

Archive (Spring in Berlin), Plattform21 at MASILugano, 2021

Wir leben in einem “archival moment”: Unsere Gegenwart wird von einer nahezu grenzenlosen Produktion und Zirkulation von Bildern und Objekten gekennzeichnet, welche die digitale und analoge Omnipräsenz von archivarischen Strukturen gleichermassen vor Augen stellt. Während sich diese vielschichtigen Sammlungen den kanonisierten Definitionen des Archivs entziehen, bilden archivarische Praktiken dennoch einen massgeblichen Nexus der post-digitalen Welt. Die Werke von Samuel Haitz befragen ebendiese “Archivgesten”1.
Die Arbeit Archive (Spring in Berlin) nähert sich dem Thema auf zwei unterschiedlichen Ebenen: Der Präsentationsmodus der Wandvitrine als Inbegriff musealer Ausstellungskonvention zeigt und bewahrt. Gleichzeitig impliziert sie eine materielle sowie emotionale Wertung, die das darin Sichtbare als kostbar, schützenswert und einzigartig bezeichnet. Die Objekte und ihre Anordnung in der Vitrine widersprechen hingegen der strengen Museumsordnung. Euromünzen, Allergietabletten, Kaugummis, eine Perlenkette – die verschiedenartigen Gegenstände und ihre vermeintlich spontane Anordnung führen uns vielmehr zum Schreibtisch in der Berliner Wohnung des Künstlers. Jedes Objekt dokumentiert Ereignisse und Erinnerungen des vergangenen Frühlings. Diese Referenzen auf Haitz’ Arbeit und Leben unterstreichen, wie das Private in das Künstlerische übergeht, verschmilzt und sich gegenseitig beeinflusst. In der Vitrine befinden sich zudem Werke befreundeter Künstler:innen, wie Gehänge (2021) von Val Minnig oder Fotografien von Iouri Podlatchikov, die Haitz’ vergangene Ausstellung im Cabaret Voltaire in Zürich festhalten. Die Bücher geben nicht zuletzt einen Einblick in sein künstlerisches Verfahren und verweisen auf bestimmte Werke, die mitunter zeitgleich zur hiesigen Ausstellung oder in naher Zukunft stattfinden.
Mithilfe seines archivischen Ansatzes verhandelt Samuel Haitz nicht nur seine eigene Atelierpraxis, sondern ebenso Fragestellungen künstlerischer Produktion und Identität. Eines der ausgestellten Bücher verkündet dahingehend: “[…] Wer seit den 1990er-jahren freiwillig nach Berlin kam, wollte vor allem eines: dem alten Leben entfliehen und in eine neue Identität hineinwachsen. Insbesondere die undefinierte Kunstszene schien ideal für Identitätshopper zu sein, weil sich hier cooler Lebensstil und kulturelle Signifikanz offenbar miteinander verbinden liessen. Ein ganzes Gebirge symbolischen Kapitals wartete darauf, erklommen zu werden. Zu spät. Aus und vorbei. Berlin ist Flachland.”

Marlene Bürgi


1 Dieser u.a. von Jacques Derrida verwendete Begriff impliziert, dass in der archivischen Aufbereitung ebenso viel aktives wie passives Vergessen und Erinnern liegt: “Das Archiv kann den möglichen Verlust, gegen den es aufgeboten wird, nicht bannen.” Siehe Jacques Derrida, Dem Archiv verschrieben, in: Archivologie. Theorien des Archivs in Wissenschaft, Medien und Künsten, hrsg. von Knut Ebeling und Stephan Günzel, Berlin 2009, S. 29-60; hier S. 31.

Photo credits: Mattia Angelini