O.T., Plattform07, 2007Seit mehreren Jahren beschäftigt sich Roman Selim Khereddine in seiner künstlerischen Praxis mit den Beziehungen zwischen Menschen und Tieren. Der Künstler produziert Video-Essays basierend auf gefundenem Bildmaterial aus dem Internet, über das er Texte auf der Grundlage sowohl historischer Quellen als auch Memes legt, und die er oftmals installativ mit ausgestopften Tieren kombiniert. Das Ganze ist von einer gewissen Empathie und gleichzeitig einem schwarzem Humor geprägt und veranschaulicht gut, wie unsere Gesellschaft “aus Bestien Bestien macht”, um den Ausdruck «rendre bêtes les bêtes» von Vinciane Despret zu verwenden.
Für Plattform21 zeigt der Künstler eine Installation, die aus einem ausgestopften Rehbock besteht, der auf einem Feldbett liegt, während die Kopftrophäe eines weiteren Rehs unter der
Liege hervorschaut. Obschon in der traditionellen Tierpräparation die toten Tiere in einer Haltung dargestellt werden, die den Anschein von Lebendigkeit erwecken soll, hat dieser Rehbock die Besonderheit, dass er auch als Präparat tot erscheint, sodass er besser in ein Stillleben als in ein Diorama passen würde. Und während das geschossene Tier üblicherweise an den Füssen aufgehängt wird, um ausgeblutet zu werden, liegt es hier im Bett seiner potentiellen Jäger:innen. Was die Geweihtrophäe betrifft, so wird sie seltsamerweise unter dem Bett aufbewahrt, wie ein peinliches Souvenir, das den Schlaf der Jäger:innen stören würde. Der Traum der Jagd überlagert also den ewigen Schlaf des Rehs. Parallel dazu zeigt uns ein
Video die Reihen eines riesigen Lagerhauses im Aargau, in dem Tausende von ausgestopften Tieren gelagert werden. Der Spaziergang durch diese beeindruckende Anlage erinnert sowohl an die Depots eines Naturkundemuseums als auch an die Gänge eines Supermarktes und zeigt die Kehrseite einer Praxis, die zu einer Industrie wie jede andere geworden ist.
Durch ein subtiles Spiel von Verschiebung und Umlenkung hebt die von Roman Selim Khereddine konzipierte Installation die Unzulänglichkeiten einer Menschheit hervor, die auf dem Altar des Tieropfers gegründet wurde. Letztendlich ist es nicht so sehr der Standpunkt des Tieres, den wir einnehmen müssen. Vielmehr geht es darum, das wenig schmeichelhafte Spiegelbild, welches das Glasauge des ausgestopften Tieres auf uns zurückwirft, anzuerkennen: das Spiegelbild einer unterwerfenden und räuberischen Menschheit.
Übersetzung: Deborah Müller & Roman Selim Kherredine