Als eine Art kontingente Wirkungsfelder lesen sich Andreas Kalbermatters Holzschnitze, die sich nicht auf einen Begriff oder eine medienspezifische Praxis verengen lassen. So bedient sich der Künstler zwar einerseits gängiger Methoden, wie der Verwendung von Lindenholz, das durch seine weiche Beschaffenheit oft Verwendung in der Holzbildhauerei findet, nimmt andererseits jedoch gleichsam variable Änderungen vor. Für Plattform20 hat der Künstler eine bestehende Arbeit um einen weiteren Holzschnitz erweitert. Die zwei Reliefs zeigen beide eine Ansammlung von Blumen – ein Motiv, das wiederholt in Kalbermatters Schaffen auftaucht. Als arbiträre Konstante bildet es das Vehikel, um in der übergreifenden Werkserie das implizite Wissen und Denken zu erforschen, das dem Handlungsprozess zugrunde liegt. So sind es nicht nur die Einflüsse der durchlaufenen Bildungsinstitutionen, die künstlerische Prozesse entlang eines geregelten Systems entwerfen, sondern auch das prozedurale Gedächtnis der Muskeln, das durch motorische Wiederholung des Schnitzens zu einer Automatisierung des Prozesses führt. An dieser Schnittstelle von mechanischem Handwerk, künstlerischem Gestus und institutionalisierter Lernprozesse ermöglichen die Holzschnitze als künstlerisches Mittel und Denkfigur festgefahrene Bewegungsmuster zu unterlaufen. Gleichzeitig wird das Schnitzen als Denken des Gestischen und somit als strukturgebendes Moment menschlicher Weltverhältnisse verstanden, das nicht nur das dem Körper eingeschriebene Wissen sondern auch all jene Wissens- und Denkensprozesse umfasst, die abseits einer sinnstiftenden Handlung als Möglichkeit auftreten. Und gerade weil das Gestische nicht unter dem Primat seiner Kontrolle sondern in seiner Loslösung von Bedeutungsrelationen untersucht wird, formt sich die Möglichkeit eines nicht-präpositionalen Denkens. Indem Andreas Kalbermatter folglich neue Formen des Schnitzens erprobt und sein Werk sukzessive erweitert, dient die Aktivierung des Muskelgedächtnisses ihrer eigenen Bewusstwerdung und die Erweiterung als Versuch ein neues Handlungsbewusstsein innerhalb einer tradierten Logik zu schaffen.
Céline Matter