Michael Ray-Von

Plattform2022

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In Excess of Playtime (2), Plattform22 at Kunsthalle Palazzo Liestal, 2022

In Excess of Playtime (2), Plattform22 at Kunsthalle Palazzo Liestal, 2022

In Excess of Playtime (2), Plattform22 at Kunsthalle Palazzo Liestal, 2022

In Excess of Playtime (2), Plattform22 at Kunsthalle Palazzo Liestal, 2022

In Excess of Playtime (2), Plattform22 at Kunsthalle Palazzo Liestal, 2022

In Excess of Playtime (2), Plattform22 at Kunsthalle Palazzo Liestal, 2022

In Excess of Playtime (2), Plattform22 at Kunsthalle Palazzo Liestal, 2022

In Excess of Playtime (2), Plattform22 at Kunsthalle Palazzo Liestal, 2022

Was wäre, wenn unbelebte Objekte zu kognitiven Wesen würden? Was wäre, wenn sie ihre eigenen Geschichten hätten, ihre eigene Weltsicht, mitunter sogar ihre eigene Sprache, die sich in den ungewöhnlichsten Zwiegesprächen entfaltet? Was wäre, wenn sie unsere Aufmerksamkeit auf jene Unregelmässigkeiten, Unstimmigkeiten und Merkmale eines Raums lenken könnten, die sich unserer Wahrnehmung normalerweise entziehen?

Michael Ray-Vons Arbeit In Excess of Playtime (2) untersucht unsere Aufmerksamkeitsökonomie und mentale Auseinandersetzung mit räumlichen, visuellen sowie auditiven Informationen mittels einer programmierten Lichtquelle. Was zu einer körperlosen Performance wird, beruht auf einer eigens vom Künstler entwickelten Software-Schnittstelle zur Automatisierung von Bühnenbeleuchtungseffekten. Wir folgen einem wandernden Lichtstrahl, einem Scheinwerfer mit beweglichem Leuchtenkopf, der synchron zu einem Hörspiel auf verschiedenen Objekten ruht und unsere Aufmerksamkeit auf architektonische Merkmale oder konkrete Interventionen lenkt. Jedes Flackern des Lichts entspricht dem Rhythmus der gesprochenen Worte. Jedes Flackern des Lichts unterstreicht, dass der Künstler den Objekten eine aktive Rolle in seiner Inszenierung gegeben hat. Während insgesamt zehn Minuten begegnen wir verschiedenen Figuren, deren Gespräche, Gedanken und Wortspiele uns in vergangene Zeiten und eine ferne Zukunft führen.

Die raumgreifende Installation bewegt sich in einem klar definierten Rahmen und dirigiert unsere Aufmerksamkeit gemäss Drehbuch. Unsere Körper folgen dem Scheinwerferlicht, unsere Köpfe heben und senken sich – wir scheinen zu einer physischen Erweiterung des softwaregesteuerten Lichtstrahls zu werden. Dies birgt das inhärente Potenzial, jene unscheinbaren Orte im Raum zu ergründen, die sich ausserhalb des Blickfeldes unserer vermeintlich geübten Kunstrezeption befinden. Doch dieses Potenzial birgt gleichzeitig eine prekäre Kehrseite: Während sich das Schauspiel entfaltet, entgehen uns wiederum andere Raumbereiche. So sehr haben wir uns inzwischen daran gewöhnt, bestimmten Handlungssträngen und "Anweisungen" im Kontext der performativen Kunst zu folgen, ohne sie im jeweiligen Moment zu hinterfragen.

Mit dem zunehmenden Informationsüberfluss ist menschliche Aufmerksamkeit zu einer Seltenheit geworden, zu einer Art Währung, um die sich alle reissen: Aufmerksamkeit ist nicht einfach gegeben, sie ist eine Ware; sie muss geschaffen, zugewiesen und verwaltet werden. Doch wenn Aufmerksamkeit irgendwo eingefangen wird, fehlt sie anderswo. Jenseits dieser Zweiteilung spielt Michael Ray-Von mit Möglichkeiten, Aufmerksamkeit neu zu strukturieren, indem er ihre Flüchtigkeit und Wandelbarkeit vor Augen führt. Indem er unbelebten Objekten eine eigenständige Rolle zuschreibt, ähnlich wie er unsere Aufmerksamkeit auf sie lenkt, werden sie uns zugänglich. Jedes Flackern des Lichts unterstreicht, dass die Objekte unserer Zuwendung, Zeit und Fürsorge bedürfen. Jedes Flackern des Lichts eröffnet einen Perspektivenwechsel und letztlich die Möglichkeit einer sozialen Neugestaltung.

Marlene Bürgi

Voices of the artist and Temra Pavlovic, music by Laura Schenk, mounting devices by Finn Curry.
Thanks to Becket MWN for work on the vocal recording.
Photo credits: Guadalupe Ruiz