Edge, 2025
„Ein verdichtetes Bewusstsein wohnt in einem verdunkelten Festsaal nahe der Decke eines Geistes, dessen Boden sich verschiebt wie zehntausend Kakerlaken, wenn ein Lichtstrahl
eindringt – da vereinen sich alle Gedanken in einem Moment der Übereinstimmung, der Körper nicht länger abstossend, da die Kakerlaken eine Wahrheit bilden, die niemand je ausspricht.“
Sarah Kane, 4.48 Psychosis, 2000. Übersetzung P25.
Dieses Zitat steht weniger im Dienste einer direkten Verbindung zwischen Edge (2025) und dem Thema von 4.48 Psychosis (2000), sondern vielmehr im Verhältnis zu dessen Form. Edge zielt auf eine Phänomenologie der Spannung – darauf, etwas zu vermitteln, das kurz davor ist zu geschehen, eine intensive Emotion (an jedem Ende des Spektrums), die im Begriff ist, hervorzuquellen.
Die Haltung der Künstlerin sucht das Dazwischen zu vermitteln – die Subtilität der Gewalt, als Werkzeug mit sowohl zerstörerischem als auch befreiendem Potenzial. Edge ist sowohl der Moment der Performance als auch das, was in Abwesenheit des Körpers der Künstlerin bleibt. Ihre Bewegungslosigkeit fungiert als Indiz, als subtile Verschiebung zwischen all den Schichten einer geteilten Realität – es sei denn, es handelt sich um eine heftige Dissoziation. Das Unsagbare kann hier nur durch langsames Bewegen und durch die Interaktion zwischen Subjektivitäten erklingen irgendwo zwischen Beobachterinnen und Beobachteten. Die bildliche Öffnung von Edge ist gleichermassen eine klaffende Wunde wie ein frischer Luftzug nach einem Lachanfall, ausgelöst durch Verlegenheit oder Freude.
Die Praxis von Mélissa Biondo (lebt und arbeitet in Genf) ist literarisch, buchstäblich, geht über Bewegung und Klang unter die Haut – mit ihrem eigenen Körper, allein oder mit anderen. Begriffe wie Bühne, Inszenierung und Figur (spielerisch oder auch nicht, spielbar oder auch nicht) sind dabei zentral – verwiesen mit Anspielungen, mal Hommage, mal kritischer Reflexion theoretischer Tropen des performativen Mediums. Die Intention ist vor allem, Risse, Spalten und andere Zwischenräume zu finden, um weiterhin zu schaffen und frei zu sein im Ausüben des eigenen freien Willens und kritischen Denkens.
Clara Chavan
Aus dem Französischen übersetzt