Leevi Toija

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strata of (latent) practices, 2024
© Claude Barrault

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strata of (latent) practices, 2024
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strata of (latent) practices, 2024
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strata of (latent) practices, 2024
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strata of (latent) practices, 2024
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strata of (latent) practices, 2024
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strata of (latent) practices, 2024

Eisenbahnstrecken sind physische Manifestationen von Regeln, die wir für selbstverständlich halten und die für den Transport von Personen und Gütern unerlässlich sind. Die Grundlagen dieser Eisenbahnstrukturen sind universell: Ihre Funktion beruht nicht auf subjektiven Vorstellungen, sondern auf objektiven, physikalischen Gesetzen. Die für die Konstruktion von Eisenbahnsystemen erforderliche hohe Präzision und die daraus resultierende hohe Exaktheit bei der Konstruktion von Modellen von Eisenbahnsystemen stehen in krassem Gegensatz zur Willkür eines Menschenlebens.

Leevi Toija mobilisiert in seiner künstlerischen Praxis meist das bewegte Bild und den Ausstellungskontext/-raum. Sein Ziel ist es, die der Gesellschaft zugrunde liegenden Strukturen verständlich zu machen und zu sezieren, was als angeblich objektiv und/oder universell angesehen wird. Toija analysiert die Systeme und Formen, die unsere Bewegungen und im weiteren Sinne auch unsere Gedanken (oder umgekehrt?) formen: Er lenkt die Aufmerksamkeit auf die Syntax unserer Bewegungen und regt durch subtile semantische Verschiebungen zum Nachdenken an.

strata of (latent) practices zeigt eine Reihe von Modelleisenbahn-Weichen, welche vertikal im Raum des Kunstmuseums Appenzell montiert sind. Jede Weiche steht auf einem weissen Rechteck à 210 x 297 Millimeter. Die Weichen haben zwar ihre vertraute Ausrichtung und Grösse verloren, doch ihr Hintergrund verankert sie in einer scheinbaren Universalität: Das Format A4 und die Gleise entsprechen den Normen der Internationalen Organisation für Normung (ISO).

In einer ortsspezifischen Sequenzaufnahme lädt uns Toija zu einer Zugfahrt ein, die auf den ersten Blick eine Leere zu sein scheint, auf der wir unsere Subjektivität, unsere Erwartungen, unsere Erinnerungen und unsere jeweilige Normalität anbringen können. Es findet eine dreifache Verschiebung statt. Zunächst als nützliche Infrastrukturen zur Lenkung der Eisenbahnräder konzipiert, jedoch später zu häuslichen Freizeitobjekten umfunktioniert, stellen die Weichen von strata of (latent) practices eine Analogie zur Navigation des Alltag dar.
Von den Regeln, die für das reibungslose Funktionieren eines greifbaren Systems notwendig sind, werden die Teile, die den Fries des Werks bilden, jeder anderen Funktion beraubt als der, einen Zeit-Raum für die Reflexion der Entscheidungsfindung zu bieten. Sie werden zu Symbolen für die unausgesprochenen Regeln, denen wir uns unterwerfen oder nicht unterwerfen wollen.

Normalerweise sind es Schienenbündel, die aus den grossen Bahnhöfen herauskommen. Zumindest bei kleineren Bahnhöfen sind es zwei parallele Metallbänder, die von Schotter gesäumt werden. In strata of (latent) practices hält Toija nur die Kreuzungen fest. Hier zählt nichts anderes als die Überschneidung von Ereignissen. strata of (latent) practices lädt dazu ein, über das sowohl emanzipatorische als auch tödliche Potenzial der Eisenbahn nachzudenken.

Clara Chavan (Übersetzung aus dem Französischen, P24)