Gregory Hari

Plattform2016

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Die Performances von Gregory Hari sind Spektakel des Affektiven. Sanft, leise, subversiv versetzen sie die Zuschauer zwischen die Normen und Regeln der Kunst und Popkultur als Schauspiel. Ob Hari hierfür die Betrachter während viereinhalb Minuten zu Akteuren transformiert, indem er in der Rolle eines demütigen Fingerring-Küssers diskret Wertvolles durch den rituellen Gestus des Küssens ins Rampenlicht rückt, oder ob er für seine Diplomarbeit „stuck“ an der F+F während drei Stunden einen Lift im 1960-er Jahre Look als nicht definierten Ort besingt; es werden stets Spuren gelegt, die in der Anspielung verharren müssen. Der Lift bleibt dabei eine unbeständige Passage von A nach B, ein Wartezimmer, das in die Höhe steigt oder in die Tiefe fährt. Wie die Ringe dient er als skulpturale Requisite zur Festlegung einer szenischen Bühne. Auf ihr verbrüdern Musik, Gesang, Gesten die Akteure dieses Raumes zu Portalen möglicher Identitäten. Performer, Skulptur und Publikum werden Teil einer Arena des Kontrapost: Ein Ort der Statik innerhalb eines bewegten Spiels, in der die Präsenz des Künstler als Bindeglied über Werden und Vergehen in der Autopoiesis eines Loops regiert. In diesem Setting transformiert Hari ausgewählte Splitter der Popästhetik in einer Zeit der medialen Allgegenwärtigkeit. Zuschauende werden durch kaschierte Referenzpunkte überfrachtet, durch die redundante Performanz gesättigt – der Überfluss im Rituellen generiert ein romantisches Moment, dessen eindeutige Botschaft aber durch das Fehlen eines befreienden Narratives nicht eingelöst wird. Wie eine Pop-Maschine fragmentiert Hari Bezüge aus Film, Musik, traditioneller Folklore und Mode bis zur Unkenntlichkeit. Die Darbietungen berühren dabei stets ein Verborgenes, das sich im reduzierenden Gestus der Wiederholung als Reflexion entpuppt. Eine Kunst-Kraft entlädt sich über dem Publikum. Alles erstarrt und rauscht zugleich, ist temporär, live, manchmal die gedämpfte Version einer modernen Operette, manchmal stumm, fluid, populär; bis der Dirigent verschwunden sein könnte. Zurück bleibt eine Grenzerfahrung des Bewusstseins, Nostalgie, Konfusion und ein paar Requisiten, die ohne den Akteur Hari als Surrogate im Raum verbleiben. – Alexandra Loser