by the time, we were in the clouds, 2023
Eine Punktwolke (Englisch Point Cloud) beschreibt eine Akkumulation einzelner Referenzpunkte innerhalb eines Vektorraumes, welche in ihrer teils unorganisierten Struktur wolkenartige Formen annimmt. Zur Erhebung der Point Cloud Daten der Stadt Zürich, welche Aglaia Brändli in by the time, we were in the clouds virtuell erkundet, wird ein Verfahren der Licht-Abstandsmessung verwendet, welches basierend auf ausgesandten Impulsen eine Umgebung oder Oberfläche abtastet und in Form einzelner Koordinaten bildlich darstellt. [2]
Während sich Betonwände als lichtundurchlässige Objekte in dichten schwarzen Wolken manifestieren, verschwindet der gläserne Prime Tower als eines der Wahrzeichen der Stadt fast gänzlich. Menschen, Autos oder Tiere gibt es in den Aufnahmen keine, Flüsse stehen still. In Ego-Shooter Manier manövriert die Künstlerin durch abstrakte Datenlandschaften, die Ernsthaftigkeit dieser Recherche wird durch die Absenz von Ton unterstrichen. Gleichzeitig bilden einzelne Referenzpunkte aus einem Schornstein entwichene Rauchpartikel ab und lassen auf ein Leben ausserhalb des Bildes schliessen. Unterstrichen wird diese These durch den intimen Dialog zweier anonymer und dennoch vertrauter Stimmen, welcher sich in den Untertiteln der Videoarbeit liest. Während A1 rastlos durch eine schier unfassbare Datenmenge navigiert, kommentiert A2 dieses Unterfangen rational und zugleich humorvoll. A2 fragt nach dem Ursprung der akribischen Recherche von A1, versucht diese zu verstehen und zeigt gleichzeitig deren Grenzen auf, setzt ihr zuletzt gar ein Ultimatum.
In der Arbeit by the time, we were in the clouds begibt sich Brändli auf eine Erkundungsreise, welche nach einem Verständnis für ihre unmittelbare Umgebung sucht. Die Bedeutung von ihr bekannten Bezugsobjekten wird relativiert, vielmehr sucht die Künstlerin nach deren Fundament. Doch je näher sie sich dem Kern der Dinge nähert, desto klarer offenbart sich deren Unfassbarkeit. Mündet letzten Endes jede Suche in einem einzelnen Pixel? Oder sind es genau einzelne Referenzpunkte, welche es uns erst ermöglichen, unsere Umwelt zu greifen? Es resultiert eine Stimmung, in der sich Momente einer hoffnungsvollen jugendlichen Neugierde und eine nüchterne Analyse mit einem nostalgischen Unterton gleichsam ergänzen.
Marius Quiblier
[1] J. Otepka, S. Ghuffar, C. Waldhauser, R. Hochreiter & N. Pfeifer (2013): Georeferenced Point Clouds: A Survey of Features and Point Cloud Management. ISPRS Int. Geo-Inf. 2(4), p. 1038-1065.
[2] H. Schmidtz (2021): Ein sechzig Jahre altes Laser-System macht plötzlich Weltkarriere beim selbstfahrenden Auto, Neue Zürcher Zeitung.
Photo credits: Margot Sparkes