Stefan Sulzer beschäftigt sich in seinen Arbeiten auf vielschichtige Weise mit Personen, Momenten und Orten von historischer oder gesellschaftspolitischer Relevanz. Indem er seine Rückgriffe auf tatsächliche Begebenheiten zu amorphen Narrativen neu auflegt, arbeitet er ihren spezifischen fiktionalen Gehalt heraus. Als ein solches Narrativ präsentiert sich uns auch seine audiobasierte Rauminstallation für PLATTFORM09: Eine Vielzahl von Mikrofonständern lassen ihre Sänger vermissen, die wir dennoch hören – je einzeln aus den Lautsprechern am Boden. Zu hören ist ein Requiem; der Teil der Totenliturgie, der beim Hereintragen des Sarges gesungen wird. Man kann zwischen den Mikrofonständern den Raum durchschreiten, hinter ihnen könnten real die Mönche neben uns stehen. Sehr physisch vermittelt der Gesang auch die Mystik des nicht alltäglichen Ortes: Deutlich hörbar ist die räumliche Akkustik der Klostergemäuer, die der Betrachter hier mit Versatzstücken eigener Erinnerungen imaginiert. Das Narrativ entwickelt sich also gerade von den Lücken her, die der Betrachter selbst füllt, indem er die fehlenden Mönche, den Raum und die Aufführung der Liturgie in den Kontext eigener Erfahrungen zu setzen sucht. Eine solche Lücke zeigt sich auch an der Frage, für wen das Requiem gesungen wird und welchen protokollarischen Moment es in den tradierten Abläufen des klösterlichen Lebens einnimmt. Wie der Künstler betont, ist der Grad der Wahrhaftigkeit, des wirklich Gelebten des klösterlichen Lebens, im Gesang zu hören. – Dörte Ilsabé Dennemann