«Blinded Books» nennt Nihan Somay ihre prototypischen Bücher und Hefte, die sie ohne Text, mit leeren Seiten bestückt, als Arrangements auslegt. Die Bücher sind voller Potenzial und stehen kurz vor der Vollendung, schöpfen dieses aber nicht aus und bleiben so Spekulation beziehungsweise Versprechen. Trotz allem Anschein sind die Seiten nie wirklich leer, denn sie sind aus einem Prozess entstanden, sind einer Idee und einem Material entsprungen, und Träger ihres eigenen Herstellungsprozesses. Somay nennt dies «Recordings»: Die Aufnahme von äusseren Einwirkungen, welche ein Objekt prägen und es verändern, genauso wie die Künstlerin selbst von ihrer Umgebung und der Stadt, in der sie lebt, beeinflusst wird. Es fällt ihr ab und zu schwer, Distanz zu dem zu gewinnen, was in Istanbul und ihrem nächsten Umfeld passiert. Dann verspürt sie die Dringlichkeit darauf zu reagieren, bevor der Moment verschwindet oder sich die Zustände erneut verändern. Diese «Hektik in der Luft» kann schon mal dazu führen, dass sie ihre Arbeit grundlegend ändert oder gar niederlegt, um die Eindrücke zu verdauen. In diesem Zusammenhang redet Somay von «Echos» der Stadt, welche ihre Arbeit und ihr Dasein umformen und unvermeidlich in ihre Werke einfliessen.
Es sind gerade diese Echos, welche Somay meist im Kollektiv mit anderen Künstlerinnen und Künstlern teilt, bespricht und ausarbeitet. Die Zusammenarbeiten erfolgen einerseits aus dem einfachen Grund, dass Langzeitprojekte mehr Ressourcen verlangen, andererseits aber auch in der bewussten Absicht, mehr Demokratie durch eine Pluralität der Stimmen zu erzeugen. Eines dieser Projekte mit dem Titel «Grenzfährservice» entstand im Zusammenschluss mit Künstlerinnen und Künstlern aus Deutschland und der Türkei. Über Wochen bereisten sie gemeinsam das Grenzgebiet zwischen Griechenland und der Türkei, um eine «Oral History» von Zeitzeugen dieser aufgeladenen Zone aufzuzeichnen und diese einer gängigen, auf Statistiken beschränkten Überlieferung gegenüberzustellen. Während sich für viele Kunstschaffende ihrer Generation die Frage stellt, wie sie den Spagat zwischen Aktivismus und gleichzeitiger Reflektion schaffen können, steht für Somay zumindest für den Moment fest, dass sie den Echos folgen und diesen in ihrem Werk einen gebührenden Platz einräumen wird. – Claudio Vogt