Race me through, 2023
Biker femme fährt ihr Motorrad. Sie will nicht weinen, sondern durch die Nacht rasen und das Vibrieren des Motors in jeder Zelle ihres Körpers spüren.
Milena lädt uns ein, Zeug*innen eines Spektakels ringender Emotionen zu werden, mäandrierend zwischen verzerrtem Schluchzen und dem Dröhnen von Motoren. Vielleicht fühlen wir mit dem Elend der isolierten Protagonistinnen, doch die Unheimlichkeit der computergenerierten Figuren macht jede Illusion zunichte.
In der Verflechtung von physischen, virtuellen und metaphorischen Sphären mutet Race me through geisterhaft an. Der Bildschirm wird weniger als Medium der Darstellung verstanden, sondern als Mittel, das einen bestimmten Moment in Ort und Zeit markiert. Als ob wir mit den auf den TV’s erscheinenden Avataren denselben traumähnlichen Raum teilten: Wir finden uns gefangen in labyrinthischen, nicht-deskriptiven Landschaftsbildern, die kaum räumliche Informationen liefern – ein Vakuum, das sich in der emotionalen Desorientierung der Avatare zu spiegeln scheint. Wir versuchen, den Hinweisen zu folgen, die durch die Choreographie der Interaktionen zwischen den Protagonistinnen gegeben werden. Sie fallen in und aus ihrem gemeinsamen Takt, nicht um sich einem linearen Narrativ zu fügen, viel mehr um sich einem konstanten Zustand des Seins hinzugeben.
Für einen kurzen Moment erscheint Muscle mommy im Raum der Biker femme – Rücken an Rücken, als ob die Liebenden genau da hingehörten: Endlich können sie durchatmen, stehen bleiben. Eine flüchtige Erinnerung, die einen Moment des Innehaltens erlaubt, bevor die überwältigende Traurigkeit in der Auflösung ihrer Präsenz erneut einkehrt.
Milena lotet Fragen nach der Veränderung unserer Wahrnehmung infolge fortschreitender Technologien der digitalen Medien aus: Was bedeutet die Präsenz einer digitalen Figur? Mit Race me through bedient sich Milena auto-fiktionaler Ansätze zur Analyse derjenigen Trends, die derzeit ihren eigenen TikTok-Algorithmus bestimmen: Sadcartoks, Sadgymtoks, Sadbikertoks – ein Mikrouniversum, das nach eigenen Weisen läuft, um die Idee der melancholischen Raserei[1] zu ergründen.
Tread-mill runner läuft wie in Trance. Weniger konfrontativ weint sie nur ein bisschen und rennt weg von uns.
Sich zwischen dem Weinen und der Raserei windend, wird ihnen keine Katharsis geboten. Die drei Liebenden leiden, beanspruchen aber den Schmerz als ihren eigenen Raum.
Antonia Rebekka Truninger
[1] Melancholische Raserei ist ein digitales Phänomen, bei dem Nutzer sich selbst bei intensiver körperlicher Fitness oder exzessivem Autofahren filmen, meist begleitet von dramatischer Musik und Textfragmenten, um ihren psychologisch instabilen Gemütszustand zu untermauern. Die zeitliche Verknüpfung suggeriert, dass Adrenalin zu einer Katharsis führt und glorifiziert so kapitalistische Statussymbole oder das Streben der Fitnesskultur nach körperlicher Perfektion. Die Personen, die sich auf diese Trends einlassen, sind fast ausschliesslich männlich, ebenso wie die Sphären der Fitnesskultur und des Autofahrens immer noch stark geschlechtsspezifisch geprägt sind. Wenn also Traurigkeit als Schwäche dargestellt wird, bedeutet dies, dass sie ihre Vorstellung von Männlichkeit beeinträchtigt.
Ton in Kollaboration mit Jasper Simeon Mehler
4-Kanal UHD-video Installation (11’00’’)
Photo credits: Margot Sparkes