subtle fembot autospy, 2023
“Today at a glance” Gaia Del Santo nähert sich einem Zeitphänomen – der Stimmung einer Generation, die einen Grossteil ihrer Zeit im digitalen Raum verbringt, wo stundenlang gescrollt und geklickt wird, wo Profile und Charaktere erdichtet werden, die ununterbrochen sammeln, teilen, kommentieren, agieren. Mit analytischem Blick untersucht Gaia die Lust auf mediale Information, ebenso übersättigt wie unstillbar: Sie entschlüsselt die Funktionsweisen der Social-Media-Kultur und einhergehender Identitätsbildung, wobei Fragen nach Selbstdarstellung, Konzepten der Authentizität oder der Aufmerksamkeitsökonomie gestellt werden. “Your screen time was up 16% last week” Die Übersetzung digital bedingter Erfahrungen in den physischen Raum gründet oftmals in auto-fiktionalen Ansätzen, insofern als Gaia aus der Perspektive der Figur eines Mädchens – der sogenannt idealen Konsumentin, die sie selbst verkörpert – denkt. Der Nüchternheit in ihrer Arbeit hält Gaia eine gewisse Nostalgie entgegen: Manchmal erinnern ihre Bilder auch an träumerische Fiktionen, die seit 2010 auf Tumblr.com gelebt werden. “Your period is about to start”
Mit subtle fembot autospy öffnet Gaia Del Santo Räume: Drei identische Schränke scheinen direkt aus einem Grossraumbüro oder einem Archivraum herausgegriffen. Halb geöffnet oder halb geschlossen: Die Schränke geben den Blick auf ein ausgehöhltes Inneres frei, das vor Allem die Funktion der Möbelstücke – das Archivieren von Daten (welchen Daten?) – in den Fokus rückt. “Save space by optmising storage” Auf deren Tablaren sind verschiedene Nagellackflaschen systematisch aneinandergereiht. So, dass sich ihre Namen zu abstrakten Narrationen fügen – “Spaghetti strap, Vanity fairest, Not just a pretty face” – Verkettungen, die Bilder einer heteronormativen Fiktion von Weiblichkeit evozieren. Die deskriptive Andeutung von Normen und Ideale wird in den 15 gerahmten Selfies ausformuliert, die sich einer Ästhetik bedienen, die mit Plattformen wie Tumblr.com (populär in 2010, erfährt seit 2021 wieder einen Aufschwung) in Verbindung gebracht wird. Die Art und Weise, wie Gaia ihre Arme für das perfekte Selfie verrenkt, verweist sowohl auf die Kamera als auch auf ein potentielles, allgegenwärtiges Publikum. “Wow, it’s really calm in here!” Mit subtle fembot autospy verschiebt Gaia das Selfie in einen neuen Kontext und fragt nach den Produktionsbedingungen und der Funktion von Praktiken der Selbstdarstellung, aber auch nach Formen der Selbstmythologisierung. “You have 77 new likes”
Antonia Rebekka Truninger
Aktenschränke, Nagellack, Tintenstrahldruck auf Papier, Aluminiumrahmen
Photo credits: Margot Sparkes