PLATTFORM20
Anita Semadeni fasst in ihren Arbeiten nach Phänomenen des Gewöhnlichen und trägt die Schichten ab, die der erste Blick normalerweise nicht durchdringt. Mit diesem tieferen Schauen werden Realitäten ins Bewusstsein gerückt, die bereits präsent jedoch nicht sichtbar waren. In ihren Werken vergegenständlicht Semadeni die Linie, indem sie die Leinwand zerschneidet und wieder zusammenfügt. Auf der Oberfläche des so behandelten Bildträgers treten nun verräumlichte Linien hervor, die in den Raum der Betrachtenden treten und gleichzeitig der Bildwelt Form geben. Dabei funktionieren einige wie Kippbilder; bei genauer Betrachtung kann das Auge Sinn aus der scheinbaren Abstraktion der Linien machen, die sich zu einer Ecke, oder einem skizzenhaften Wohnraum zusammenfügen. Das Haus und sein Inneres, speziell das Badezimmer, sind wiederkehrende Motive in Semadenis Arbeiten. Objekte der Säuberung deuten indexikalisch auf den Körper, Schmutz und die Intimität der Handlungen, die sich in diesen Räumen abspielen, hin. Das Spiel mit repräsentierter Präsenz zieht sich auch durch die für Plattform erschaffenen Werkgruppe durch: Fotografien, Skizzen und das geschriebene Wort verweisen, deuten und suggerieren. Semadenis inquisitiver Blick durch den Filter ihrer eigenen Erfahrungswelt resultiert in Werken, die bedeutungsschwanger sind ohne auszubuchstabieren. Ihre Erforschungen zielen nicht auf Benennung oder Resultate ab, sondern erschaffen Resonanzräume, in denen das Gewöhnliche mit all seinen Verstrickungen erahnt werden kann.
Linda Lämmle