Inmitten einer Wüste aus roter Erde betritt man etwas, das wie eine Kathedrale unter freiem Himmel aussieht. Das Kirchenschiff ist mit Gras bewachsen, grosse Aquarelle bedecken die Wände. Hier und da gibt es noch Relikte einer unbekannten Zivilisation. Ihre Formen erinnern der Reihe nach an römische Kelche, Renaissance-Säulen oder Schachfiguren. Dennoch ist es für uns unmöglich, sie mit einer Funktion oder bestimmten Liturgie in Verbindung zu bringen.
Die Arbeit von Angeles Rodriguez beginnt mit der Aufmerksamkeit für die unmittelbare Umgebung, seien es die ziegelroten Felsen der argentinischen Täler oder das mittelalterliche Kopfsteinpflaster einer Schweizer Stadt. Am Anfang ihrer Projekte stehen stets die Erkundung eines Territoriums, die Erforschung seiner geologischen, architektonischen oder mythologischen Eigenschaften. Ihr folgt ein Prozess des Abbaus und der Veränderung von formalen oder narrativen Elementen der Landschaft, welche die Künstlerin in Form von Fiktion in ihre Installationen einfügt. Es ist eine Methode des Synkretismus, die Angeles Rodriguez in ihrem Werk anwendet: Ihre Arbeiten bestehen genauso aus Hinweisen auf den Ort, an dem sie ausstellt, und den damit verbundenen Erzählungen, wie aus Anspielungen auf traumhafte und magnetische Landschaften.
Für Plattform21 ist das Territorium die Kathedrale von Lugano und die vorgestellte Geschichte wird durch die Ikonen der Hagiographie von San Lorenzo erzeugt. Im MASI setzt Angeles Rodriguez eine Legende in Szene und imaginiert die Objekte, die sich darin befinden könnten. Die seriell konzipierten Arbeiten bilden eine Sammlung und werden in der Art eines archäologischen Museums präsentiert, das die Details einer nicht datierbaren Kultur aufzeichnet. Es handelt sich dabei um eine neue Wissenschaft, die man als fiktive Keramologie bezeichnen könnte – ein fiktionales, archäo-keramisches Verfahren.
Übersetzung: Deborah Müller