Rooting, 2025
Metall, Bleistift und Sticker auf Papier, Epoxidharz, Keramik, Video, Ton
Dimensionen variabel
Salome Jokhadzes (lebt und arbeitet in Basel) künstlerische Praxis ist stark in der jüngeren Geschichte Georgiens verankert. In ihren Illustrationen auf Papier und skulpturalen Objekten greift sie immer wieder auf politische Ereignisse in ihrer Heimat zurück und verwebt diese mit autobiografischen Elementen und Erinnerungen zu collageartigen Installationen.
Das neueste Werk der Künstlerin, Rooting (2025), befasst sich mit den anhaltenden Anti-Regierungs-Protesten, die seit Oktober 2024 in ganz Georgien stattfinden. Fotografien, die die Künstlerin bei einem Besuch in Tiflis während der Proteste hergestellt hat oder aber von Freund*innen übermittelte Eindrücke sowie Bildmaterial aus den sozialen Medien bilden die Grundlage der monochromen Bleistiftarbeit. Ausgelöst durch Vorwürfe von Wahlbetrug und dem umstrittenen Entscheid der Regierung, die Gespräche über den EU-Beitritt bis 2028 zu suspendieren, haben die Proteste weit verbreiteten bürgerlichen Unmut hervorgerufen. Eine zentrale Sorge der Bevölkerung ist die zunehmende Nähe der Regierung zu Russland, insbesondere angesichts der Tatsache, dass bereits heute 20% des georgischen Territoriums von Russland besetzt sind. Trotz der offiziell europafreundlichen Ausrichtung der Regierungspartei „Georgischer Traum“, gleicht sich diese zunehmend den Interessen Russlands an. Zehntausende gehen daher täglich auf die Strassen, um Neuwahlen sowie ein stärkeres Bekenntnis zur EU-Integration zu fordern. Als Reaktion darauf verabschiedete die Regierung im Dezember 2024 harte Gesetze, die selbst symbolische Protesthandlungen, wie das Anbringen von Stickern auf öffentlichem Boden, kriminalisieren und die Konten von Organisationen, die die Proteste unterstützen, einfrieren, um die anhaltende friedliche Bewegung zu ersticken.
Die Metallplatte, auf der die Papierarbeit präsentiert ist, verweist ihrerseits auf eine Mauer, die die georgische Regierung vor dem Parlament errichtet hat, um sich vor den Menschenmengen zu schützen. Diese Barrikade ist Teil des Ausbruchs von Wut geworden und trägt sichtbare Spuren von täglichem Kratzen und Schlagen der Menschen aus Wut und Frustration. Ein Keramiktor, das an die Metallplatte angebracht ist, bezieht sich auf einen Vorfall im letzten Winter, als die Regierung versagte, ihrer Pflicht nachzukommen, ein von einem Schneesturm abgeschnittenen Dorf im Westen des Landes mit Notstrom und Lebensmitteln zu versorgen, während stattdessen die bereits in den Protesten aktive Zivilbevölkerung Hilfe leistete. Die zu Rooting gehörende Videoarbeit kombiniert journalistische Bewegtbilder aus verschiedenen Quellen und schlägt somit einen Bogen zwischen den aktuellen politischen Geschehnissen in Georgien und den Protestwellen der späten 1980er, frühen 1990er Jahre und 2003. Diese entfachten im Kontext der damals einsetzenden Auflösung der Sowjetunion, die Georgien in ein pro-sowjetisches Lager und dessen Gegner*innen spaltete, was schliesslich zu einem Bürgerkrieg führte, der von 1991 bis 1993 andauerte.
Salome Jokhadzes mehrteilige Installation betont die intergenerationelle Dimension des georgischen Kampfes um Unabhängigkeit seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991. Gleichzeitig hebt sie die grosse Solidarität einer Bevölkerung hervor, die seit Jahrzehnten von politischer Unzufriedenheit geprägt ist. Sie zeigt sichtbar die sensible Perspektive einer Künstlerin, die ihre Praxis als Werkzeug versteht, um ihre eigene Position und Rolle in der georgischen Gesellschaft zu reflektieren und dennoch am politischen Kampf ihrer Generation teilzunehmen.
Selma Meuli
Aus dem Englischen übersetzt